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Freitag, 22. März 2019
Kleiner Puch auf großer Fahrt Drucken E-Mail
Geschrieben von Hermann Rittsteiger   

Heft bestellen - Kleiner Puch auf großer Fahrt

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Wäre ich, Hermann Rittsteiger, bekennender Oldtimerfan und leidenschaftlicher „Restaurierer“ aus Linz eventuell daran interessiert, unseren kleinen Puch 500, Baujahr 1957, mit der Fahrgestellnummer 3, in Goodwood, im Süden von England zu präsentieren. Ähh..wie bitte? Von Goodwood und dem dort stattfindenden „Goodwood Festival of Speed“ hatten wir zwar  schon gehört - aber dass wir dort einmal mit unserem Puch eingeladen werden könnten, war für uns unvorstellbar. 

„Da passt doch unser „Kleiner“ gar nicht hin“, meinte Bettina, meine praktisch veranlagte Lebensgefährtin. „Geht es dort nicht eher nur um luxuriöse, hochkarätige Oldtimer mit Werten in astronomischen Höhen?“ Goodwood, darüber waren wir uns einig, war doch ein paar Nummern größer als die Oldtimermesse „Classic Austria“, die ich in Wels mitorganisiere. Wir überlegten hin und her und ich hatte ein etwas mulmiges Gefühl, als ich Roberto Molin zugestand, meine Kontaktdaten nach England weiterzugeben. Warum auch nicht? Damals ahnten wir ja noch nicht, wie sich die Dinge entwickeln würden.
 
Als uns dann im Auftrag des Earl of March schriftlich die offizielle Einladung erreichte, dämmerte uns, dass das Abenteuer „kleiner Puch geht auf große Fahrt“ wahr werden könnte. Ferdinand Prinz zu Schwarzenberg, seines Zeichens Motorsport contentplanner und weltweit auf der Suche nach besonderen Autos für das „Goodwood Festival“ machte uns klar, dass unser 16 PS starkes Gefährt mit der Besonderheit eines ehemaligen Testwagens, mit der Fahrgestellnummer 3, tatsächlich in England dabei sein sollte! Unglaublich! Wir erbaten uns Bedenkzeit. „Ihr seid wohl verrückt“, meinten einige Bekannte, die wir auf der Oldtimer-Messe in Essen trafen. „Wenn der Lord nach Goodwood ruft, dann hat man dort zu erscheinen! Da gibt es keine Bedenkzeit. Diese Chance bekommt ihr im ganzen Leben nie mehr!“ Na, wenn das so ist! Plötzlich waren wir voll motiviert. Goodwood, wir kommen! Englischkenntnisse aufgefrischt! Yes, we can! Obwohl... der Termin vom 29. 6. bis 2. 7. war ja in unseren Köpfen mit ganz anderen Bildern bestückt: Liegestühle und Sonnenschirme am Strand von Kreta. Unser lang geplanter und bereits gebuchter Urlaub sollte ins Wasser fallen? Jammerschade. Sollten wir wirklich Flüge nach England buchen, uns um die Hotelreservierung und den Autotransport kümmern? Und jede Menge Kosten auf uns nehmen? 


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Vor allem der Transport unseres Ausstellungsstückes bereitete uns große Sorgen. Gut, dass wir auf der Oldtimermesse in Essen den Ausstellungsstand von Franz Wittner besuchten! Wir erzählten Franz von unseren Goodwood-Plänen. Er war total überrascht, dass wir mit unserem 16 PS-Zwerg die Einladung zu dem honorigen Event erhalten hatten. Die Welt ist ungerecht! Er, der sich mit noblen Luxuskarossen beschäftigt, war noch nie nach Goodwood eingeladen worden! Doch er freute sich ehrlich mit uns, und half uns das Transportproblem zu lösen. Als Dank drückten wir ihm zwei unserer vier VIP-Karten (mit Zugang zu allen Bereichen)in die Hand, und nahmen ihn und seine Frau mit nach Goodwood!

London, wir sind da! Und wo ist das Ausstellungsstück? Gott sei Dank entdeckten wir unseren Puch 500 unversehrt zwischen Ferraris und Porsches in der Halle eines Oldtimerhändlers. Good Lord! Die Gegend rund um die Halle hatte nicht sehr Vertrauen erweckend ausgesehen. Vielleicht sehen wir doch zu viele Krimis!? Wie kommt unser Automobil von London nach Goodwood in Chichester? Eigentlich hätte Oldtimerhändler Samuel den Puch 500 dorthin bringen sollen. Aber dann bekamen wir Lust, unseren Kleinen auf englische Landstraßen loszulassen. Gedacht, getan. Wir starteten Richtung Süden. Es regnete in Strömen und plötzlich flog einer der Scheibenwischer weg. Schock! Aussteigen, im heftigen Regen am Straßenrand suchen, Wischer finden, montieren und nass bis auf die Haut weiter zockeln.

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Unsere Gefühle bei der Ankunft in Goodwood lassen sich nur mit dem Wort „überwältigend“ beschreiben. Das riesige Areal, die Einfahrt auf der Rennstrecke, gesäumt von Strohballen und Zuschauertribünen, Gebäude, wie man sie aus Rosamunde Pilcher-Filmen kennt, die Ausstellungswiese und der Empfang durch Prinz Schwarzenberg persönlich. Wow!

Am nächsten Tag waren alle Ausstellungsautos an Ort und Stelle. Wir freuten uns, unseren Schweizer Freund Roberto Molin zu treffen, der seinen 1960 Ghia Fiat 500 Jolly präsentierte. Neben all den Ferraris, Rolls Royce, Stanley, Aston Martins und Maseratis kam uns unser Puch 500 doch ziemlich klein und unscheinbar vor.

Wir erlebten drei Tage voller Spannung und Überraschungen, waren hingerissen von den vielen anwesenden Promis und freuten uns über die Aufmerksamkeit, die unser Puch 500 erhielt. Steht da neben uns tatsächlich Bernie Ecclestone? Am dritten Tag war die Ballveranstaltung mit anschließendem Feuerwerk ein Ereignis, das wir sicher nicht vergessen werden. Smoking aus dem Kostümverleih inklusive.

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Und am nächsten Tag? Hochspannung pur. Um 10 Uhr trafen die prominenten Mitglieder der Jury ein und machten sich, umgeben von TV-Kameras und Reportern auf den Weg, um die ausgestellten Fahrzeuge zu bewerten. Da steuerte Mike Rutherford neben Gordon Murray, Mick Walsh, Rowan Atkinson (Mr. Bean,) Ross Brawn, und Caty Munnings auf unseren Kleinen zu. Für jedes Auto waren nur 2 Minuten Zeit für die Begutachtung vorgesehen. Wir staunten nicht schlecht, dass sich die Jury für unseren Kleinstwagen fast 20 Minuten Zeit nahm, mich den Motor starten ließ und Kommentare wie „how amazing, lovely, fantastic“ abgab. Die Jurymitglieder lächelten und wir waren stolz auf unseren blankpolierten Puch 500. Mächtig stolz sogar! Ich hatte diesen Wagen ja zur Gänze in ca. 1500 Arbeitsstunden selbst restauriert.

Auf zum Dinner mit Preisverleihung des Concour de Elegance „Catier – Style et luxe“!

Nico Rosberg hielt die Ansprache. Und plötzlich hören wir „Steyr Puch 500 und Hermann Rittsteiger“. Was? Wie? Unfassbar. Unser kleiner Puch 500 hat den 1. Preis in der Klasse „Cheeky Cinquecento“ gemacht? Die Welle der Gefühle, die in diesem Moment angerollt kam, ist nicht zu beschreiben. Ich gehe wie auf Watte in einem Nebel zum Podium und nehme den Preis entgegen. Sind das Schweißperlen oder Freudentränen in meinem Gesicht? Egal, vermutlich beides ... Und Bettina strahlt mit den Bühnenscheinwerfern um die Wette! Händeschütteln, Schulterklopfen, Lachen und Freude rundherum. So fühlt sich Siegerglück an! Thank you, dankeschön, wunderbar, unglaublich. Wer hätte das gedacht?

Good bye, Goodwood! Welcome Austria! Wieder daheim erwarteten uns schon zahlreiche Gratulanten, denn anscheinend haben erst ganz wenige Österreicher diesen Preis heimgeholt! Unser Kleiner steht auf einmal groß im Scheinwerferlicht und wird von der Presse in den Mittelpunkt gerückt. Auch wir haben viel zu erzählen von unserer großen Fahrt mit dem kleinen Puch – und wer den stolzen Sieger hautnah bestaunen will, der kommt am besten zur Classic Austria nach Wels. Vom 29.9. - 01.10.2017 wird der kleine Publikumsliebling dort zu bestaunen sein, und sicher wieder ein bisschen im Rampenlicht stehen ...

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