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Montag, 19. August 2019
Alte Tugenden Drucken E-Mail
Geschrieben von Paul Dukarich   

Heft bestellen - Alte Tugenden

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Im September 1989 wurde die vierte Generation des Mazda 323 auf der Frankfurter IAA präsentiert. Das neue Mazda-Volumenmodell in der Golf-Klasse stand dabei im Schatten der Roadster-Evolution Mazda MX-5 Miata, über den sich hier jedes weitere Wort erübrigt, weil in Heft 1/2019 seiner historischen Bedeutung entsprechend gewürdigt.

Die Schräg- und Stufenhecklimousine der neuen Generation folgte der bisherigen 323-Formensprache. Völlig neu jedoch war der 323 F, der mit einer Höhe von 1,33 m um 5 cm niedriger und mit einer Länge von 4,26 m um 26 cm länger als die Schräghecklimousine war.

Vor allem die Formgebung des 323 F war einzigartig in der Klasse der Kompaktwagen: langgestreckt und niedrig, viertürig mit Fließheck (Heckklappe) und mit Klappscheinwerfern!!! Eindeutig als viertüriges Coupé zu klassifizieren – 15 Jahre bevor Mercedes-Benz dieses Konzept mit dem im Herbst 2004 eingeführten Mercedes-Benz CLS (wieder) aufgenommen und es zuerst in der Oberklasse etabliert hat.


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An dieser Stelle sei kurz die im Motorbuchverlag erschienene Chronik „Mazda seit 1920“ von Joachim Kuch zitiert: „Die Tester stürzten sich mit Begeisterung auf das viertürige Coupé. Auto motor und sport unterzog den F einem 100.000 Kilometer langen Dauertest. Das Ergebnis war eine äußerst deprimierende Angelegenheit, zumindest für die Konkurrenz. Keine einzige Panne – ,ein leuchtendes Beispiel für Zuverlässigkeit‘, resümierten die Tester.“ Auch weitere Dauertests absolvierte der 323 F mit identischem Ergebnis.

Und heute fast 30 Jahre danach sitze ich in meinem roten Mazda 323 F, der sich seit 10 Jahren und 60.000 km in meinem Besitz befindet und frage mich: Wieso fahre ich dieses „alte“ Auto so wahnsinnig gerne?


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Der Mazda 323 F ist ganz einfach gut und absolut zuverlässig, ein Beispiel für japanische Perfektion der 90er-Jahre, die vermutlich auch für die anderen japanischen Marken dieses Jahrzehntes gilt. Was nützt mir ein tolles Auto, das höchstens bei jedem zweiten Mal ankommt und dauernd in der Werkstatt steht?

Er ist ein schönes und gleichzeitig praktisches Auto Schön: Lange und niedrige Motorhaube (heute mit dem zweifellos zu Recht bestehenden Fußgängerschutz nicht mehr vereinbar), niedrige Gürtellinie, dezenter Heckspoiler. Praktisch: Ausreichend geräumig und auch den Mitfahrenden auf den Rücksitzen zumutbar, sofern nach etwa zwei Stunden eine Pause eingelegt wird. Das passt schon so, schließlich reise ich mit und aus Freude, trinke gerne nach zwei Stunden den ersten Kaffee, esse eine Kleinigkeit und halte damit meine geliebten Landgasthäuser, die ohnehin massiv vom Aussterben bedroht sind, noch einige Zeit am Leben.


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Er ist kompakt Vor allem mit seiner Breite von 1,675 m lässt er sich perfekt über enge Land- und Güterstraßen lenken. Dort ist doch das Fahren am allerschönsten, oder? Ganz abgesehen davon ist diese Breite in engen Gassen und in Parkhäusern ganz vorteilhaft. Wieso tun sich Menschen das nur an, ihre bis zu zwei Meter breiten SUV – ja, die sind in der Zwischenzeit so breit geworden und zwar ohne Spiegel – in enge Parkhäuser zu stopfen? Viele abgekratzte Säulen sind die stummen Zeugen dieser menschlich-automobilen Tragödien. Die als Begründung für zerkratzte Kotflügel häufig vorgebrachte Ausrede „… und heute ist mich in der Tiefgarage wieder eine Betonsäule angesprungen …“ wird von mir regelmäßig und zweifelsfrei als Schutzbehauptung zurückgewiesen.


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Er ist übersichtlich Spätestens wenn die Klappscheinwerfer aufgeklappt sind, steht eindeutig fest, wo der 323 F vorne endet. Wieso entwerfen die heutigen Designer größtenteils keine übersichtlichen Autos mehr? Das Argument, dass unübersichtliche Autos die Kunden dazu bewegt, Rückfahrkameras, Parkpiepserl und weiteres Klimbim als Extra zu bestellen, darf doch einfach nicht wahr sein. Oder will uns die Autoindustrie im nächsten Jahrzehnt wieder übersichtliche Autos als den letzten Schrei verkaufen? Dann müsste ich auf die 60er- und 70er-Jahre verweisen, weil wir uns alle doch genau an die Alfa Romeo Giulietta, den BMW 2002, den Peugeot 404 und viele andere leuchtende automobile Beispiele für übersichtliche, kompakte Autos erinnern.


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Er ist „richtig“ motorisiert Was heißt richtig? Ein nicht zu lang übersetztes Auto mit einem Hubraum von 1,6 l mit 88 PS und einem maximalen Drehmoment von 132 Nm bei 4000/min, das gut am Gas hängt, ist für mich richtig motorisiert, sofern es, wie der 323 F, nur rund 1000 kg wiegt. Über eine Million Menschen, die bisher den ebenfalls nicht übermotorisierten, dafür aber gleichfalls leichten MX 5 gekauft haben, können sich nicht irren. Fast automatisch ist ein geringer Verbrauch von unter 8 l/100 km die Folge von richtiger Motorisierung und geringem Gewicht. Ich kann es den hochgeschätzten Leserinnen und Lesern einfach nicht ersparen, bei dieser Gelegenheit einen Seitenhieb auf sehr viele neumodische und viel zu schwere automobile Ungetüme, die sich bereits im Bereich von zwei (!) Tonnen bewegen, anzubringen.


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Kleiner Kritikpunkt am 1980er-Jahre-Design des Mazda 323 F darf abschließend noch angebracht werden: Natürlich bewirkt vor allem die sehr flachgestellte Front- und Heckscheibe eine starke Aufheizung des Innenraumes. Egal: serienmäßiges elektrisches Schiebedach geöffnet, vier ebenfalls elektrische Seitenscheiben heruntergefahren und auch die heißen Sommertage können kommen.

Keine Frage, diese Hommage gegenüber dem nun fast 30 Jahre alten Mazda 323 F hat aus meiner Sicht fast zwangsläufig dazu geführt, Kritik an Entwicklungen im Autobau zu üben, die etwa seit der Jahrtausendwende eingetreten sind. Es sind dies insbesondere: ungebremstes Größenwachstum, Gewichtszunahme, Unübersichtlichkeit und Leistungsexplosion.


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Damit ich nicht falsch verstanden werde, die Neuentwicklung von sicheren und ressourcenschonenden Automobilen und Antriebssystemen soll und wird stattfinden. Sie ist nicht aufzuhalten und schon gar nicht zurückzudrehen. Vielleicht sollten wir uns dabei jedoch alter Tugenden besinnen, die noch vor 30 Jahren in Serie gegangen sind und hin und wieder heute noch auftauchen.

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