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Montag, 19. August 2019
Horopito Motor Wreckers Drucken E-Mail
Geschrieben von Christian Frasz   

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Eigentlich war es ein Zufall. Im Tongariro National Park bekam ich vom Direktor des Hotels einen Tipp, der in keinem Reiseführer steht: „Dich interessieren alte Autos? In einem kleinen Dorf in der Nähe gibt es ein Oldtimermuseum. Aber in diesem stehen nur wenige Autos. Und dann gibt es noch sehr, sehr viele Wracks“, erklärt er. „Die Leute fahren eigentlich deswegen hin. Das gibt es nur in Horopito!“

Eigentlich war es ein Zufall. Im Tongariro National Park bekam ich vom Direktor des Hotels einen Tipp, der in keinem Reiseführer steht: „Dich interessieren alte Autos? In einem kleinen Dorf in der Nähe gibt es ein Oldtimermuseum. Aber in diesem stehen nur wenige Autos. Und dann gibt es noch sehr, sehr viele Wracks“, erklärt er. „Die Leute fahren eigentlich deswegen hin. Das gibt es nur in Horopito!“

In den Tongariro National Park auf der Nordinsel Neuseelands fährt man eher zum Wandern oder Bergsteigen. Die ganze Region gehört zum Weltkultur- und zum Weltnaturerbe der UNESCO. Es ist also nicht gerade eine Gegend, in der man alte Autowracks erwartet.


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Horopito – das Dorf mit dem Autoverwerter – liegt rund 300 Kilometer nördlich der Hauptstadt Wellington. In längst vergangenen Zeiten – im 19. Jahrhundert – war der Ort eine lebendige Stadt mit Holzindustrie und hunderten Arbeitsplätzen. Es gab eine Schule, zwei Hotels, eine Bank, ein Postamt und sogar einen Stripklub. Mit dem Niedergang der Holzindustrie in den 1920er-/30er-Jahren verließen die Menschen die Gegend und suchten sich neue Jobs in anderen Landesteilen.

Von der Stadt und der einstigen Betriebsamkeit ist nichts mehr übrig. Dennoch ist der kleine Ort, der nur noch aus wenigen verstreuten Häusern besteht, in Neuseeland sehr bekannt. Denn in Horopito wurden Anfang der 1980er zwei sehr bekannte Spielfilme gedreht: „Goodbye Pork Pie“, in dem sich ein gelber Mini mit der Polizei wilde Verfolgungsjagden liefert und „Smash Palace“, in dem es um einen Rennfahrer geht.

Und es gibt die Horopito Motor Wreckers: die Autoverwertung mit dem beeindruckenden Freilichtmuseum mit rund 5.500 Fahrzeugen ab Baujahr 1920. Die Firma und das Areal waren auch die Kulisse für diese zwei Spielfilme.


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Heute führen Colin Fredricksen und seine Frau Barbara das Familienunternehmen. Begonnen hat alles in den 1930er-Jahren mit Barbaras Vater Bill Cole. Er hat ein Sägewerk geführt und nebenbei eine kleine Werkstatt betrieben. Die Farmer der Gegend kamen zu ihm, wenn etwas kaputt war. Egal, ob landwirtschaftliche Geräte, Traktoren, Lkws oder Autos. Alles, was Instand gesetzt werden konnte, verließ die Werkstatt. Alles was nicht repariert werden konnte, hat Bill aufgehoben.

Im Laufe der Jahre wurde die Autowerkstatt für das Geschäft der Familie Cole immer bedeutsamer. Der Schwerpunkt wurde auf die Reparatur von Kraftfahrzeugen und den Abschleppdienst gelegt, der Handel mit gebrauchten Ersatzteilen lief nebenbei mit. Die Sägemühle wurde unbedeutender und 1976 geschlossen. Dafür wurde der Handel mit gebrauchten Autoteilen ausgebaut.


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Kommt man zur Firma, wirkt alles unscheinbar. Man sieht von der Straße nicht, was alles auf dem Gelände herumsteht oder herumliegt. Im Haupthaus beim Eingang begrüßt Barbara, die das Office leitet, die Kunden und Besucher des Autoplatzes. Der Eintritt kostet zehn New Zealand Dollar (rund sechs Euro).

„Schauen sie sich am besten zuerst das Ersatzteillager an, zunächst das Erdgeschoss und dann den ersten Stock“, erklärt Barbara die Tour. „Im hinteren Gebäude sehen sie ein paar Autos, die vielleicht restauriert oder verkauft werden. Dann biegen sie nach rechts in die Werkstatt ab. Dort treffen sie die Mechaniker. Die Tür hinter den Hebebühnen führt ins Museum. Wenn sie da alles gesehen haben, gehen sie ins Freigelände. Machen sie eine große Runde! Halten sie sich bitte immer links, damit sie wieder zum Hauptgebäude zurückkommen. Wenn sie auch die jüngeren Autos interessieren, können sie über die Straße ins andere Areal gehen. Haben sie Fragen, kommen sie zurück ins Office!“


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Schon im Ersatzteillager sieht man, welche Mengen und Vielfalt an Ersatzteilen in den letzten acht Jahrzehnten angehäuft wurden: Regale voll mit Vergasern, Zylinderköpfen, Scheinwerfern. In einer Ecke lehnen Lenksäulen von Fahrzeugen aus den 20er- und 30er-Jahren. In einem Teil gibt es Scheinwerfer, in einem anderen Radkappen und im nächsten nur Instrumente. An der Decke hängen Lenkräder. Ob es 200, 300 oder 500 sind, kann man nicht schätzen. In einer Ecke lehnen Stoßstangen, an den Wänden Kotflügel und Kühler. In der ersten Halle stehen zehn, fünfzehn Autos dicht gedrängt: vom Porsche 924 bis zum Chevrolet aus den 1930ern.

In der Werkstatt mit drei Hebebühnen wird geschraubt und im hinteren Teil restauriert. Ein modernes Suzuki-Motorrad steht zwischen den Autos, ein alter Toyota Crown ist oben auf der Bühne. Ein Mechaniker arbeitet an einem älteren Mitsubishi-Bus.


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Im blauen Overall dazwischen geht „Chef“ Colin Fredricksen von einem Fahrzeug zum anderen. „Um ein Uhr nachts haben wir das letzte Auto abgeschleppt“, erzählt er. „Wir machen den Pannendienst in der Region.“ Die Abschlepp-Lkws dafür stehen einsatzbereit vor dem Firmengelände. Ob die Werkstätte auch für moderne Autos ausgestattet sei, lautet meine Frage. Er lächelt und antwortet: „Nein! Die hier nicht. Aber wir haben noch einen zweiten Standort im Nachbardorf Reatihi. Dort gibt es ein paar Computer, die braucht man heutzutage bei den neuen Autos. Doch bevor wir sie hochfahren, schauen wir mal, ob wir den Defekt nicht auch so beheben können. Und das gelingt uns in 90 % aller Fälle“, grinst Colin.

Im eigentlichen Museum stehen nur zehn Autos. Darunter auch der erste Abschleppwagen von Firmengründer Bill Cole. Aufgehoben wurden auch Requisiten aus den Filmen, die bei Horopito Motors gedreht wurden, wie etwa der gelbe Mini aus „Goodbye Pork Pie“ und die Tür des Abschleppwagens in „Smash Palace“.


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45 Autos aus der Sammlung der Familie Fredricksen warten darauf, dem Publikum präsentiert zu werden, erzählt Colin. „Eines meiner nächsten Projekte ist, das Museum professioneller zu gestalten. Denn mittlerweile kommen eine Menge Touristen vorbei und schauen sich unsere Fahrzeuge an“, erklärt der Chef. Hinter dem kleinen Museum geht es richtig los: Am Freigelände gibt es Autos ohne Ende und weitere Hallen mit noch mehr Autos und Ersatzteilen. Unter einem Flugdach lagern dutzende Autotüren, unter einem anderen Kotflügel und Motorhauben. In einer der Hallen ist die „Abteilung“ für Innenausstattung: Sitze und Rückbänke liegen in oder auf Fahrzeugen. Zwischen den Wracks im Freien gibt es einen Berg aus Felgen, zwischen anderen Fahrzeugen lagern Hinterachsen oder Rahmen.

Alles in allem ist es ein riesengroßes Potpourrie aus Karosserien und Fahrzeugteilen aller Automarken und Produktionsjahre ab 1920. „Mein Schwiegervater Bill hat nichts weggeworfen, er hat nie was verschrottet. Denn Ersatzteile in Neuseeland waren rar und teuer. Man wusste ja nie, was ein Kunde noch brauchen könnte.“

Der Schwerpunkt bei den ganz alten Autos liegt auf Marken aus den USA und aus Großbritannien. Bei den Fahrzeugen nach 1980 dominieren die Japaner. In der Minderzahl sind Kfz aus Kontinentaleuropa. Je nachdem, wie lange die Autos schon in Horopito stehen, hat die Sonne den Lack runtergebrannt und das Blech mit Rost überzogen. Bei einigen Fahrzeugen wachsen Farne und Gestrüpp im Motorraum oder durch die Bodenplatte ins Fahrzeuginnere.


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Auf die Frage, ob es bei der Lagerung über die Jahrzehnte hinweg ein System gegeben hat, antwortet Colin mit Augenzwinkern: „Ja! Es wurde alles chronologisch aufgestellt.“ Was zuerst kam, steht näher am Hauptgebäude und der Werkstatt. Alles, was später kam, steht etwas weiter weg oder wurde irgendwo drauf gestellt. Freie Plätze wurden aufgefüllt. Was nie gebraucht oder verkauft wurde, blieb am Platz. Das ganze Areal wurde Stück für Stück erweitert, bis es 15 Hektar groß war. Die Fahrzeuge kamen ohne Zutun quasi automatisch durch den Abschleppdienst und die Werkstatt. Wer ein altes Fahrzeug entsorgen wollte, konnte es nach Horopito bringen. So kam es zu den geschätzten 5.500 Fahrzeugen und unzähligen Ersatzteilen. „Die neueren Fahrzeuge ab Baujahr 1980 entsorgen wir immer wieder. Sonst ginge das Areal irgendwann total über“, erklärt Colin. „Die alten Fahrzeuge bleiben wie sie sind. An denen wird nichts mehr verändert. Das ist für mich Automobilkultur, das ist unser Museum.“

„Was für Teile sind vorrätig und wo liegen sie“, frage ich. „Mein System heißt Gedächtnis. Mit Ersatzteilnummern kann ich wenig anfangen“, schmunzelt Colin. „Am besten kommt man mit dem kaputten Teil vorbei. Wenn ich es dann sehe und in Händen halte, fällt mir ein, wo es im Lager liegen könnte,“ war seine unorthodoxe Antwort. Auch für die Mitarbeiter sei das System okay, erklärt er. „Für jene, die frisch anfangen, ist es zu Beginn schwierig. Doch früher oder später findet sich jeder zurecht und weiß, wo was liegt.“


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Was soll ich tun, wenn ich in Österreich lebe und beispielsweise ein Rücklicht für einen 1931er Chevrolet benötige? „Dann ist es das Beste, wenn du mir ein Mail mit vielen Fotos sendest. Wir haben eine eigene Internetseite mit unserer Kontaktadresse. Internationaler Versand ist kein Problem. Wir schicken Ersatzteile in die ganze Welt“, antwortet Colin. „Und wer möchte, kann ja gerne persönlich vorbeikommen!“

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